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Mit den Kindern von Valentin Senger durch die Friedrich-Ebert-Siedlung im Frankfurter Gallus
Die NaturFreunde Hessen hatten am 1. März zu einem Rundgang durch die Friedrich-Ebert-Siedlung im Gallusviertel eingeladen. Manfred Wittmeier vom Vorstand des NaturFreunde-Landesverbandes begrüßte ca. 70 Gäste im Naturfreundehaus in der Herxheimerstraße. Er betonte, dass es wichtig sei, in dieser Zeit, in der Menschen durch rassistische Anschläge eingeschüchtert und ermordet werden, zusammenzustehen und zu erinnern an Menschen, die sich der Hetze entgegengestellt haben und für Demokratie und Menschenfreundlichkeit eingetreten sind.
So ein Mensch war Valentin Senger, der durch das Buch "Kaiserhofstraße 12" bekannt geworden ist. Das Ehepaar Senger zog im September 1950 mit zwei Kindern, Ionka und Rüdiger, in eine 1-Zimmer-Wohnung mit Kochnische und ohne Bad in die Kleyerstraße und verließ diese erst nach der Geburt des dritten Kindes Judith. Die beiden älteren führten den Stadtteilrundgang und gaben dem interessierten Publikum eine Vorstellung davon, wie es sich in der Siedlung lebte.
Die Sengers waren Anhänger der KPD, und ihre Kinder erinnern sich an ein liberales Elternhaus, in dem kein Zwang ausgeübt wurde. Rüdiger, der zwar einen anderen leiblichen Vater hat, Valentin aber als seinen eigentlichen Vater betrachtet, und die vier Jahre jüngere Ionka verbrachten die Nachmittage nach der Schule im Freien mit den vielen anderen Kindern im Viertel. Es wurde gespielt, gestritten, gelacht, bis mit Einbruch der Dunkelheit familienspezifische Pfiffe das jeweilige Kind ins elterliche Heim zurückriefen.
Da Mutter und Vater Senger beide Journalisten waren, besaßen sie ein Telefon, das sich (neben der einzigen öffentlichen Telefonzelle im Stadtteil) reger Nutzung erfreute. So ging die Bevölkerung bei der Familie ein und aus, hier war ein Treffpunkt für Freud und Leid im Viertel.
Häufig kamen auch noch nach dem KPD-Verbot 1956 Übernachtungsgäste, die, von der Partei geschickt, in der 1-Zimmer-Wohnung untergebracht werden mussten. Oft erhielt die Familie Besuch von Juden, die noch bis in die 50er Jahre nach ihren verschollenen Angehörigen suchten und die journalistischen Kanäle nutzen wollten. Eintätowierte Nummern am Arm, so Ionka Senger, waren für sie als Kinder normal. Wenn aber über Geschehenes gesprochen wurde, wurden die Kinder hinausgeschickt.
Sengers zeigen den Besuchern die Ecken, an denen Lebensmittel-, Metzger-, Knopf- und Friseur-Lädchen waren und wohin die Bevölkerung ihre Kuchenbleche zum Backen brachte. Die Gruppe verneigt sich vor den Stolpersteinen für Hans Bild und Karl Fehler, beide Kommunisten, die im KZ Sachsenhausen ermordet wurden.
In der Kleyerstraße war der Sitz mehrerer metallverarbeitender Betriebe (T&N, Tewes, Adlerwerke), in denen der gewerkschaftliche Organisationsgrad hoch, bei Tewes 98 % war. Ein einmonatiger Streik 1951, bei dem auch die Gegenseite mit Streikbrechern und Polizeieinsätzen das volle Programm auffuhr, endete mit 3 Pfennig Lohnerhöhung pro Stunde. Gab es Flugblätter zu verteilen, so bekamen die Senger-Geschwister morgens noch vor Schulbeginn einen Packen in die Hände gedrückt, standen vor den Fabriktoren und lernten dabei gleich, wie man sich für seine Interessen einsetzt.
In den Kindergarten wollte Ionka nicht gehen, da man dort nachmittags zwei Stunden Mittagsruhe bei völliger Bewegungslosigkeit halten musste. Die Schulen im Stadtteil (Ackermann-, Bürgermeister-Grimm-Schule) waren streng nach Jungen und Mädchen getrennt, die "Erziehung" durch die im Nationalsozialismus ausgebildeten Lehrkräfte eher paramilitärisch. Die Klassengröße lag in jedem Fall über 40, bisweilen auch über 50 Kindern, der Unterricht fand in zwei Schichten statt. Eine katholische Lehrerin sagte zur nicht getauften Ionka, als Ungläubige käme sie in die Hölle, was Ionka aber nicht erschreckte: sie fand es irgendwie absurd.
Nach der Schule mussten die Kinder bei befreundeten Familien essen, denn die Senger-Eltern waren beide berufstätig. Eine ein wenig bittere Erinnerung, so "abgeschoben" zu werden, wenn sich die Gast-Mütter auch liebevoll um die Kinder kümmerten.
Am Rande des Viertels liegt das Gelände des ehemaligen Arbeiter-Sportvereins und des jüdischen Sportvereins. Das waren Nester des Widerstands und der gegenseitigen Stärkung. Eine Zeit lang waren hier auch Waffen gelagert, deren Versteck aber verraten wurde, die Sportvereine verboten. In der Nähe befand sich ein Gefangenenlager für osteuropäische Kriegsgefangene.
Die Sengers erzählen, dass ihre Eltern lange kein Fernsehen hatten. Als aber nach der gewonnenen WM 1954 rechte Horden durch das Viertel zogen und das Horst-Wessel-Lied sangen, verfolgten die Eltern bei entsprechenden Ereignissen die Fernsehberichte.
Die Staatsbürgerschaft war Vater Senger von den Nazis entzogen worden. Versuche, diese zurückzubekommen, wurden ihm 25 Jahre lang verweigert. Erst 1981, nach Veröffentlichung des Buches "Kaiserhofstraße 12" bekam er sie endlich zugesprochen. Ionka berichtet, dass ihr Vater sich wie ein Schneekönig gefreut habe, dass er jetzt das Wahlrecht hatte. Seinen leiblichen Kindern wurde die Staatsbürgerschaft übrigens auch lange verweigert, weil Kinder eines Kommunisten nicht deutsch sein dürften. Verantwortlich für diese offizielle Botschaft war der damalige CSU-Innenminister Höcherl, der 1935 - 1945 NSdAP-Mitglied war und während der Nazizeit als Staatsanwalt gearbeitet hat.
Mit Kaffee und Kuchen, bei noch vielen Fragen an die Senger-Geschwister, endet dieser anregende erste Märzsonntag im Naturfreundehaus Herxheimerstraße, in dem die Sengers als Kinder und Jugendliche Gruppentreffen der kommunistischen Jugendorganisationen besuchten. Die Straße ist nach dem jüdischen Arzt Salomon Herxheimer benannt, wurde in der Nazizeit in Nothnagelstraße umbenannt und erhielt ihren alten Namen nach dem Krieg zurück.
Marianne Friemelt, NaturFreunde Hessen